Mi

06

Jul

2011

Bitte belegen Sie Ihre Islam-These, Herr Friedrich!


Hans-Peter Friedrich schaffte das, was vor einiger Zeit auch der niedersächsischen Sozialministerin Aygül Özkan und dem Bundespräsidenten Christian Wulff gelang: Er sorgte gleich nach Amtsantritt für Aufregung, weil er „Islamisches“ ansprach. Friedrich dürfte allerdings einen Zeitrekord aufgestellt haben, denn er verkündet noch am gleichen Tag: „Aber dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.“ Wie schon in den anderen beiden Fällen nimmt der Rückgriff auf das Stichwort „Islam“ auch diesmal wieder Dimensionen an, die unser Land der Dichter und Denker im Grunde ad absurdum führen.

Aus den inzwischen bekannten Richtungen gibt es viel Lob für Friedrich, aus den anderen viel Schelte. Das Pingpong-Spiel geht in eine neue Runde. Politiker aller Parteien tadelten den Bundesinnenminister. Islamische Interessensverbände kritisierten ihn scharf, darunter auch der Liberal-Islamische Bund (LIB). Binnen kurzer Zeit erreichten mich und den LIB daher zahlreiche Emails, alle mit ein und derselben Stoßrichtung – hier eine kleine Auswahl:

“Sehr geehrte Frau Kaddor, solange sich Muslime mit Sprengstoff bepackt inmitten unschuldiger Frauen und Kinder im Irak/Afghanistan feige in die Luft sprengen, wird der Islam nicht zu Deutschland gehoeren. Deutschland ist von seiner Kultur und Geschichte her das Land der Dichter und Denker, aber nicht das Land der Kopftuch-und Burkafetischisten.“

“guten abend. schön wärs, wenn der der islam da bliebe – wo er hingehört…in seinem ursprungsland. man hat hier einfach keine zeit für solche hirngespinnste und unfug derengleichen !!!!!”

“da kann der lib noch so viel kreide fressen. das gesindel kommt nach deutschland, setzt sich in das von deutschen gemachte nest und plündert die sozialsysteme. muslime- denkt an zenta.”

“Hey Moslems, wenn es euch in Deutschland nicht gefällt haut doch einfach wieder ab. Verschwindet dahin wo ihr oder eure Eltern hergekommen seid.“

Die Einseitigkeit und Ähnlichkeit des „Denkens“ ist verblüffend. Geht es um diese Leute, Herr Friedrich? Will man diese bedienen? Will man wirklich deren Wählerstimmen einfangen? Man darf übrigens davon ausgehen, dass alle anderen Kritiker des Friedrich’schen Diktums ähnliche Reaktionen erreicht haben – vor allem wenn sie bekennende Muslime sind.

Ein Grund für die Irrgänge der Islamdebatte liegt darin, dass ständig etwas vergessen wird: Derjenige, der eine These in den Raum wirft, sollte diese zunächst belegen. Erst so wird die Basis für eine sachliche Diskussion geschaffen, und demokratische Politiker mit Verantwortungsgefühl dürften nur daran Interesse haben. Wenn also jemand die These aufstellt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, aber nicht erklärt, warum (der bloße Verweis auf eine christliche „Leitkultur“ reicht nicht aus, unser christliches Erbe in Deutschland ist zwar eine Tatsache, schließt aber die Zugehörigkeit des Islam nicht aus!), bleibt diese These als reine Behauptung im Raum stehen. Behauptungen sind unbelegte Aussagen – nicht mehr. Verkauft werden sie der Bevölkerung aber als Grundwahrheit – man konstruiert sozusagen eine Realität. Es bleibt somit selbstverständlich, die Unwissenheit jenes selbst erfundenen Berufszweigs der sogenannten Islamkritiker und ihrer politischen Profiteure nicht nur zunächst weiter festzustellen, sondern sie herauszufordern. Ich würde mir wünschen, dass sie zunächst einmal belegen, wieso der Islam nicht zu Deutschland gehört und wie mit den Allseits bekannten historischen Einflüssen des (islamischen) Orients in Wissenschaft, Musik, Literatur, Philosophie, Religion oder Politik zu verfahren ist?

Damit scheint es vorerst allerdings nichts zu werden. Man greift lieber weiter in die Mottenkiste der Rhetorik – jüngstes Beispiel der Journalist und Intellektuelle Matthias Matussek. Auch Matussek ist nur in der Lage, eine Behauptung aufzustellen. Die Mühe, seinen Lesern zu erklären, warum der Islam nicht zu Deutschland gehört, macht er sich nicht. Was ihn aber nicht davon abhält, genau das ausgerechnet von den Kritikern Friedrichs zu verlangen – selbst wenn es sich wie in meinem Fall nur um ein kurzes Statement handelt:

„Die Vorsitzende des liberal-islamischen Bundes wird schon orientalisch-bunter. Sie verteidigt die Ehre. Sie nennt die Ministeraussage eine “Ohrfeige ins Gesicht der Muslime” und hält sie für “politisch wie historisch falsch”. Und wie wäre es, historisch, richtig? Fehlanzeige.“

Und statt des für Matussek so wichtigen ultimativen Beweises, fällt dem ehemaligen Chef des Kulturressorts beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL nichts weiter ein, als Folgendes:

„Sagen wir es so: Ich habe einige muslimische Freunde. Trotzdem gehört der Islam nicht zu Deutschland, geschichtlich, er gehört nicht in unsere historisch-religiöse DNA, denn die ist, allen Unkenrufen zum Trotz, immer noch christlich.“

(Der Artikel ist auch unter meiner Kolummne bei migazin.de abrufbar!)

 

***ältere Kommentare***

 

6 Responses to “Bitte belegen Sie Ihre Islam-These, Herr Friedrich!”

    leisegang sagt:
    10. März 2011 um 06:41

    Matussek zitiert falsch. Er unterschlägt das bedeutungsvolle Wörtchen “auch”.
    Im übrigen scheint mir die Frage nach der Zugehörigkeit des Islam zur nationalen Identität den bestehenden Pluralismus zu vernachlässigen. Vielleicht sollte man erst die Frage klären, welche Rolle der Islam bis auf den heutigen Tag in Deutschland gespielt hat. Deskriptiv, nicht deklarativ.
    auguste sagt:
    11. März 2011 um 19:58

    “Trotzdem gehört der Islam nicht zu Deutschland, geschichtlich, er gehört nicht in unsere historisch-religiöse DNA.”

    Heiliger Strohsack!

    Ich hab’s ja schon öfter gefragt: Warum ist Ihnen manches nicht einfach zu dämlich, um darauf zu reagieren? Warum springen Sie jedes Mal auf solche Umtriebe an? Ich weiß, es nervt. Ich weiß, es bedroht unter Umständen auch, wenn einer so redet. Aber egal ob es nervt oder bedroht, es ist INDISKUTABEL.
    leisegang sagt:
    14. März 2011 um 06:22

    Aber sehen Sie doch, auguste, solche Zitate belegen sehr schön, dass es ganz im Gegenteil einige Vertreter des “christlich imprägnierten Säkularusmus” (Dan Diner) sind, die fundamentale Schwierigkeiten damit haben, sich einem universellen Wertekanon anzuschließen, wie er beispielsweise im Koran für Kinder und Erwachsene oder Saphir 5/6 umrissen ist.
    Ihre Empörung in Ehren, ich finde das lächerliche Gequatsche von “christlichen Genen” entlarvend.
    Lars sagt:
    31. März 2011 um 18:17

    Wie Herr Friedrich tickt, hat man auch schon in der Vergangenheit hören können. Leider. Er sprach vom “Kampf der Systeme”. http://bit.ly/hwF5is
    Hatem sagt:
    13. April 2011 um 05:55

    @leisegang
    “universeller Wertekanon im Koran”

    Ja, vor allem die Anweisungen, wie mit “Ungläubigen” und ungehorsamen Frauen zu verfahren ist, sollte sich jeder genau anschauen….
    Claus sagt:
    1. Mai 2011 um 02:11

    Dass Sie ein Doppelleben führen, Hatem, hatte ich ja schon vermutet. Aber nun graust es mich, wenn ich Sie im Dienste der Aufklärung das Leben von Frauen vor meinem geistigen Auge erleiden sehe. Halten Sie durch!

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Kommentare: 2

  • #1

    Hatem (Freitag, 29 Juli 2011 22:31)

    @claus

    Ich muss nicht "erleiden", sondern nur die Augen aufmachen. Um z.B. zu sehen, dass meine Lieblingstante von ihrem Mann seit einem Jahr gezwungen wird, Kopftuch zu tragen, weil er sich (nach gescheiterten beruflichen Projekten) wieder sehr stark der Religion zugewandt hat und nun seine ganze Familie mit seinen Regeln terrorisiert.

    @ Frau Kaddor
    Die Website ist nun übersichtlicher, aber die Kommentare sind leider unübersichtlicher und nicht sehr sinnvoll angeordnet. Vielleicht können Sie daran etwas verbessern?
    Mit freundlichem Gruß
    Hatem

  • #2

    Rudi Gems (Sonntag, 28 August 2011 05:58)

    Eine Religion, ist immer das Erbebnis frühkindlicher Indoktrination. Es ist völlig austauschbar. Jedes Kind, übernimmt erstmal, die Religion seiner Eltern.

    Unser freiheitlich rechtsstaatliches System, ist jeder Religion, haushoch überlegen. Bei uns, gibt es Humanität, Rücksicht, Toleranz, Gerechtigkeit und Freiheit. Sowas, findet man in Religionen, höchstens mit der Lupe, und mit ein wenig Glück.

    Und genau deshalb, passen Religionen, nicht nach Deutschland, weil sie in elementaren Grundzügen, mit dem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat, nicht kompatibel sind. Daher ist natürlich auch die Disskussion, ob das Christentum, nach Deutschland gehört, müßig. Ich habe mit Absicht, von Religionen geschrieben, womit sich die Frage des Christentums erübrig. Auch das Christentum, gehört nicht mehr zu Deutschland. Es wird nur aggressiver verteidigt. Ob das aber ein Grund sein sollte, nun auch den Islam aggressiv zu verteidigen? Ich würde eher davon abraten.

    Grüße, Rudi Gems

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